„Eine kleine Bewegung ist besser als eine große Bewegung. Keine Bewegung ist die Mutter aller Bewegungen.“

(Wang Xiangzhai)

Stehen wie Pfahl und Baum

Zhanzhuang (etwa: D’schan D’schuang) kann übersetzt werden mit Stehen-wie-ein-Pfahl oder mit Stehen-wie-ein-Baum. Stehen-wie-ein-Pfahl ist die deutlicher am Wortlaut orientierte Übersetzung. Sie bringt den Aspekt der Bewegungslosigkeit zum Ausdruck und die Macht des Pfahls, der in der Erde ruht und große Lasten  zu tragen im Stande ist. Die freiere Übersetzung Stehen-wie-ein-Baum weist demgegenüber auf die Dynamik im scheinbar bewegungslosen Stehen hin. Wir denken hier an Wachstum, an Verwurzelung im Boden bei gleichzeitiger Entwicklung zum Himmel hin, also einem Moment der Ausdehnung in die Höhe. Aber auch der Ausdehnung in die Breite, die die über die Zeit des bewegungslosen Stehens hinweg gewonnene Kraft und Stärke symbolisiert. Das Stehen des Baumes ist in all seiner Ruhe und Bewegungslosigkeit ein äußerst lebendiges Stehen in ununterbrochener Verbindung und Kommunikation mit seiner Umwelt. Nicht zuletzt die Umwandlung von Kohlendioxid in Sauerstoff im Prozess der Photosynthese steht beispielhaft für die Kommunikationsprozesse des Baumes. Nicht anders wird in Zhanzhuang neben dem Versuch, innere Verbindungen herzustellen, auch daran gearbeitet, äußere Verbindungen aufzubauen.

Stehen mit Inhalt

Zhanzhuang verlangt, so geübt zu werden, dass der oder die Übende mit der Macht des Pfahls und mit der Lebendigkeit des Baumes steht. Ein solches Stehen ist ein Stehen mit Inhalt, ein Stehen also, das mit einer Tätigkeit gefüllt ist und sich insofern ganz entscheidend vom einfachen Da-Stehen, Herum-Stehen unterscheidet. Der Inhalt des Zhanzhuang ergibt sich über den Einsatz der Vorstellungskraft, chinesisch: Yi. In der äußeren Regungslosigkeit der jeweiligen Zhanzhuang-Position findet innerlich, im Körper, einiges an Bewegung statt. Mittels der Vorstellungskraft werden in der äußeren Bewegungslosigkeit innere Bewegungen angeleitet, die mit fortschreitender Übungsfähigkeit immer deutlicher erspürt werden. Auf diese Weise gewinnen die Übenden ein feines Bewegungsgefühl und ein tiefes Verständnis über den eigenen Körper.

Förderung von neuromuskulären Vorgängen und Tiefensensibilität

Die Vorstellungsarbeit, Yi, spricht sowohl die körperliche als auch die geistige Ebene an und verbindet beide wirkungsvoll miteinander. Auf der körperlichen Ebene werden vor allen Dingen neuromuskuläre Vorgänge entwickelt, verbessert und gestärkt. Ohne uns zu bewegen, arbeiten wir an einer zentralen Voraussetzung dafür, dass Bewegung überhaupt möglich wird, nämlich an der Übermittlung von Reizen, die von den Nerven ausgehend an die Muskulatur gerichtet sind. Gleichzeitig trainieren wir damit die sogenannte Propriozeption, die Tiefensensibilität. Darunter versteht man einen unbewusst ablaufenden Vorgang, über den die Stellung und Bewegung des Körpers im Raum wahrgenommen und der Körper als Folge dieser Wahrnehmung so eingesetzt wird, dass er adäquat handlungsfähig bleibt. Durch Zhanzhuang kommen wir auf eine körperliche Ebene, auf der wir diese Tiefensensibilität gezielt fördern und entwickeln können.

Entwicklung innerer Kraft

Gleichzeitig wird die Muskulatur durch Zhanzhuang sowohl entspannt als auch gestärkt. Die Übung fördert die Entwicklung der inneren Kraft. Gegenüber dem gezielten, aber isolierten Training einzelner Muskeln im Krafttraining mit Gewichten und Apparaten wird im „Krafttraining“ durch Zhanzhuang eine Ganzkörperkraft entwickelt, die sich von der Modellierung einzelner Muskeln oder Muskelpartien (wie etwa im Bodybuilding) dadurch unterscheidet, dass vorrangig die weiter innen im Körper gelegene sog. Kernmuskulatur entwickelt wird, die für die Aufrichtung und Haltung des Skeletts von großer Bedeutung ist. Gleichzeitig werden nicht einzelne Muskeln, sondern ganze Muskelketten vom Scheitel bis zur Sohle ausgebildet und in ihrer funktionalen Verkettung geschult. Die Muskulatur wird nicht nur gestärkt, sondern zugleich (einschließlich des Gewebes) auf feine Weise gedehnt und gestreckt. Wenn man bedenkt, dass nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa 80 % der Rückenleiden auf verspannte Muskulatur zurückzuführen sind, dann kann man ermessen, welcher Wert in solch einer einfachen Übungsform zu sehen ist. Ferner lernen wir im Zhanzhuang durch die äußere Bewegungslosigkeit der Übung bei gleichzeitiger Ausdehnung und Aufrichtung der Körperstruktur die rechte Balance zwischen Anspannung und Entspannung zu erkennen. Allmählich wird es möglich, diese Erkenntnis immer deutlicher in den Alltag zu übertragen.

Mentale Arbeit eint Körper und Geist

Körperliche Prozesse und Phänomene dieser Art verdanken sich jedoch nicht einem rein physischen, am Körper orientierten Training, sondern sie sind die Folgen einer spezifischen mentalen Arbeit, mit der sie untrennbar verbunden sind. Vorstellungsarbeit und Körperarbeit gehen Hand in Hand, ohne voneinander isoliert werden zu können, wobei die Vorstellungsarbeit (Yi) führend ist. Durch den zielgerichteten Einsatz der Vorstellung wird in der Ruhehaltung Bewegung initiiert. Dadurch erfolgt eine wirkungsvolle Schulung der Verbindung von Körper und Geist. Zugleich wird die Vorstellung auch eingesetzt, um in der Anspannung, die nötig ist, um eine Zhanzhuang-Position zu halten, Entspannung entstehen zu lassen. Schließlich dient die Arbeit mit der Vorstellung auch dem Zweck, Shen zu entwickeln, was nur sehr ungenügend mit „Geist“ (spirit) übersetzt werden kann. Unter anderem geht es hier auch darum, dass eigene Selbstwertgefühl zu stärken und auf diese Weise eine mentale innere Kraft zu entwickeln.

Zhanzhuang – Grundlagenmethode des Yiquan

Die Arbeit mit Ruhepositionen findet sich mittlerweile in vielen Unterrichtsmethoden und Stilrichtungen, doch nirgends ist der Einsatz von Zhanzhuang von so elementarer und wegweisender Bedeutung wie im Yiquan. Zhanzhuang ist nicht nur die Tür, durch die der Anfänger Einlass ins Yiquan erhält, sondern es ist auch der Brunnen, an den der Meister immer wieder zurückkehrt, um neu daraus zu schöpfen und sich weiter zu perfektionieren. Von Zhanzhuang aus baut sich die Entwicklung im Yiquan auf wie in einer Spirale: Was in der Ruhe entwickelt worden ist, muss in die Bewegung umgesetzt und dann auch am Partner erprobt werden. Alle Unstimmigkeiten, die sich auf diesem Weg ergeben, alle Fehler und Schwächen, die hierbei entdeckt werden, führen zurück zu Zhanzhuang, wo sie einer grundlegenden Bearbeitung unterzogen werden. So entsteht im Yiquan alles aus Zhanzhuang und jede Erfahrung führt immer wieder dorthin zurück. Diese Wahrheit gilt für beides, für die Entwicklung der Gesundheit ebenso wie für die Entwicklung im Bereich der Kampfkunst.

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